Diese Webseite präsentiert einen neuen Prototyp zur digitalen Dokumentation und Vermittlung sorbischer Trachtenkultur im Rahmen des Projekts „Drasta Digital IV“. Erstmals verbindet die Plattform strukturierte Datenerfassung, digitale Archivierung und interaktive Präsentation in einem gemeinsamen webbasierten System. Grundlage dafür ist eine skalierbare Datenbankstruktur, die entwickelt wurde, um sowohl einzelne Objekte als auch komplexe Zusammenhänge zwischen Herkunft, Material, Herstellung und kulturellem Kontext langfristig erfassbar zu machen.
Gezeigt werden drei exemplarische Hauben aus unterschiedlichen sorbischen Trachtenregionen: die weiße Spitzenhaube der Hoyerswerdaer Tracht (běła hawba), die rote Schleifer Haube (cerwjonka halba) sowie die spitzgebundene Cottbuser Haube (rogata lapa). Die digitalen Rekonstruktionen machen regionale Unterschiede in Form, Material, Herstellung und Trageweise sichtbar.
Jedes Objekt enthält Hintergrundinformationen zur regionalen Einordnung und Machart, hochauflösende Bilder der 3D-Rekonstruktion, ein animiertes Video, ein digitales Schnittmuster sowie ein interaktives 3D-Modell, das direkt im Browser betrachtet werden kann. Damit entsteht eine neue Form der Vermittlung zwischen Dokumentation, Handwerk und digitaler Erfahrung.
Die Entwicklung dieses Prototyps basiert auf mehreren Jahren Forschung und praktischer Erprobung im Bereich der Digitalisierung traditioneller Kleidung. Besondere Schwerpunkte lagen auf der Entwicklung von Workflows zur digitalen Rekonstruktion textiler Materialien, der Integration von Web3D-Technologien sowie der Verbindung von materiellem und immateriellem Wissen rund um sorbische Trachten.
Das Projekt „Drasta Digital IV“ fand im Jahr 2025 statt und widmete sich insbesondere der Entwicklung interaktiver Web3D-Präsentationen, Animationen von Ankleideprozessen sowie der Frage, wie digitale Technologien neue Zugänge zum kulturellen Erbe ermöglichen können. Im Jahr 2026 wird das Projekt im Rahmen von „Drasta Digital V“ fortgeführt und langfristig zu einer umfassenden digitalen Plattform für sorbische Trachtenkulturen ausgebaut.
Die rote Haube (cerwjonka halba) ist Bestandteil der festlichen Mädchentanztracht.
Diese Haube besteht aus zwei Teilen:
Die Teile der gezeigten Haube sind aus einem feinen, bedruckten Baumwollstoff geschnitten und mit weißem Baumwollstoff abgefüttert.
Die Maße dieser Haube richten sich nach der jeweiligen Kopfgröße, doch der Schnitt ist stets derselbe. Die Haube besteht aus zwei Seitenteilen von 10-12 cm Breite und 18-20 cm Höhe sowie einem Mittelteil von 12 cm Breite und etwa 30 cm Länge, welches vom Nacken bis über den Kopf bis beinahe zum Haaransatz geführt wird. Im Bereich des Halses wird die Haube durch vier Falten (je zwei rechts und links der Nähte) verengt, so dass das Mittelteil am Saum nur noch 6 cm und die Seitenteile etwa je 8 cm breit sind. So kann es auf die unterschiedlichen Maße der Trägerin angepasst werden.
An der Vorderkante wird die Haube mit einem einfarbigen fingerbreiten Stoffstreifen oder Band in der Farbe der Haube eingefasst; der untere Saum aber mit dem Material der Haube oder ähnlich gemustertem.
Damit das Gesicht schön umrahmt wird, wird ein 110 cm langer und 3-4 cm breiter, auf 72-74 cm Länge in enge Falten genähten Spitzenstreifen (ropione canki) angenäht. Alternativ kann ein ungefalteter Streifen mit Hohlsaumverzierung (šyte canki/ kluster canki) an den vorderen Saum angeheftet werden, um dann nach hinten umgebogen in halber Breite auf den unteren Saum der Seitenteile aufgenäht zu werden.
In die Haubenecken unterm Kinn sind kleine Schlaufen (wuški) eingenäht, durch die man die schmalen Bindebändchen zieht, mit denen die Haube einen festen Halt auf dem Kopf erhält.
Die Kinnschleife besteht aus einem 3-4 cm breiten Band von ca. 60 cm Länge. Es wird abgefüttert und am Rand ringsum mit einer Borte bzw. Zackenlitze (rjepoški) versehen. Man achtet darauf, dass das florale Motiv auf dem Band auf beiden Seiten der Schleifenenden exakt gleich aussieht. Das Band wird über Kreuz gelegt und zur Schleife abgebunden. Die Kinnschleife (šnorka) wird auf das Bindebändchen unterm Kinn aufgezogen.
Zur besseren Formgebung wird eine Pappe am Hinterkopf eingelegt. Diese ist oben gerade und unten im Halbrund geschnitten.
Die gezeigte rote Haube ist Bestandteil der Schleifer Mädchentanztracht. Laut Trachtenkanon tragen Mädchen und unverheiratete Frauen im Schleifer Trachtengebiet als Zeichen der Lebensfreude rotbunte Farben. Dies spiegelt sich auch in der Farbe der Haube wieder.
Die spitzgebunde Haube (rogata lapa) ist Bestandteil der festlichen Mädchentanztracht
Diese Haubenform hat sich aus dem großen Kopftuch entwickelt, welches 1910, teilweise noch bis 1920 aus einem großen quadratischen Tuch von 1,30-1,50 m Kantenlänge gebunden wurde. Heute besteht es aus drei Teilen und dem Papier, welches zur Aussteifung verwendet wird. Als Material wird meist weiße oder pastellfarbene Seide verwendet.
Das quadratische Mittelteil hat eine Kantenlänge von 85 bis 90 cm. Die Größe der zwei rechteckigen Seitenteile, richten sich nach der zu bindenden Form, also bei dem gezeigten sogenannten spitzgebundenen Kopftuch, wie es in Cottbus üblich ist, etwa 85 x 25 cm.
Jeweils zwei Seiten des Mittelteils sowie eine Ecke der Seitenteile sind mit breiten weißen Spitzen besetzt. Im Nacken kann die Haube mit einem Band zusammengebunden werden. Dies dient zur Befestigung und zum Anpassen der Passform.
Die Haube ist mit floralen Motiven in Blattstickerei verziert. Diese Stickereien befinden sich jeweils auf den Enden der Seitenteile (von vorne zu sehen) und dem Mittelteil (Rückansicht, Stickerei an Kanten des Tuches)
Dies gezeigte Haube gehört zur festlichen Tanztracht der niedersorbischen Trachtenregion. Sie muss passend zum Ort und zur Tracht gewählt werden. Zur Cottbuser Tracht wird die spitz gebundene Haube (rogata lapa) getragen. Eine Kopfbedeckung gehörte in der Geschichte immer schon zu einer vollständigen Bekleidung, aber die Verpflichtung, im öffentlichen Raum den Kopf zu bedecken, entspricht nicht mehr den heutigen gesellschaftlichen Normen. Aus diesem Grunde hat der Gebrauch der Haube auch in der Niederlausitz in den letzten hundert Jahren nachgelassen. Immer häufiger werden die Hauben, auch in der Region um Cottbus abgelegt. Sie gelten als nicht mehr zeitgemäß und bei mancher jungen Frauen als zu umständlich und aufwendig. Bei Trachtenträgerinnen ohne Haube, gilt jedoch die Regel, dass beim Tragen einer Festtagstracht einer eleganten Hochsteckfrisur angemessen ist.
Weißes Spitzenhäubchen von Lochstickerei (běła hawba) - Bestandteil der festlichen Mädchentanztracht
Diese Haube besteht aus mehreren Teilen:
Die Maße einer Haube richten sich nach der jeweiligen Kopfgröße, doch der Schnitt ist stets derselbe: Das genähte Häubchen wird aus zwei Teilen zusammengenäht: dem Haubenboden (kolesko) und dem Kopf-/Wangenstreifen (nadšića).
Für dieses feine Spitzenhäubchen wurde feines Leinen verwendet, das mit Lochstickerei- Handarbeit verziert wurde. Um das Gesicht herum ist es an den offenen Seiten mit schmaler Spitze versäubert. Am vorderen Ende wurde links und rechts weiße Wäschebändchen angenäht, die dann unter dem Kinn zu einer Schleife gebunden werden können. Ebensolche Bändchen werden über Kreuz durch den Tunnel am Hinterkopf gezogen. So wird der Haube ein fester Halt auf dem Kopf gegeben.
So ein feines Spitzenhäubchen wurde niemals direkt auf das Haar getragen. Zum Schutz der wertvollen Spitze wurden die Haare bedeckt. Bei dieser Haube wurde dazu ein einfaches Unterhäubchen aus grünem Baumwollstoff genäht.(Eine solche Unterhaube wurde aus praktischen Gründen aus der älteren Form entwickelt, bei der die Haare mit grünen Bändern umwickelt wurden.)
Die Form des Häubchens ist definiert. Entweder wird das Haar in entsprechende Form geflochten, geknotet und festgesteckt oder die Haube wird (z.B. bei kürzeren Haaren) über eine in Form genähte Haubenpappe gezogen (papjercowa hawbička) um die ideale Form zu erreichen.
Der Hinterkopf soll eine gute Proportion zu der ausladenden Tracht mit den weiten Röcken der Hoyerswerdaer Tracht bilden. Deswegen wird an solche Hauben ein Haubenband angesteckt. Dieses Band ist 10 cm breit und 1 m lang. Es besteht aus denselben Materialien, also passenderweise aus Tüll- oder Lochstickerei. Die Ränder des Haubenbandes werden mit schmaler Spitze oder Zackenspitze (rjepuški) besetzt. Das gestärkte Band wird zu einer Schleife (kokulki) gebunden und an der Haube befestigt. Die Enden werden ebenfalls mit Nadeln angesteckt.
Die Trachtenschneiderin und Ankleidefrau Anna Böhme erzählte:
“Die weiße Spitzenhaube (bela hawba) war noch um 1900 ein traditionelles Kleidungsstück der Jungfrauen der Trachtenregion um Hoyerswerda. Die jungen Mädchen erhielten ihr eigenes Spitzenhäubchen meistens zur Konfirmation, welche den Eintritt ins Erwachsenenalter markierte. Zu diesem Anlass wurde das weiße Spitzenhäubchen mit langen grünen Kopfbändern zur schwarzen Konfirmationstracht getragen. Die jungen Mädchen waren sehr stolz darauf, es in nächster Zeit bis zu ihrer Hochzeit tragen zu dürfen. Das weiße Häubchen war so begehrt, dass die jüngeren es gerne von ihren älteren Schwestern ausleihen wollten. So entstand wohl die Tradition, dass auch kleinere Mädchen diese weißen Häubchen zum jährlichen Schulfest tragen durften. Seit den 1950er Jahren sieht man sie vor allem auch bei den Auftritten der damals gegründeten Kindertanzgruppen.”
Die Kopfbedeckung war in der Geschichte der Tracht und der Mode immer schon Teil einer vollständigen Bekleidung. Die Verpflichtung, im öffentlichen Raum den Kopf zu bedecken, entspricht nicht mehr den heutigen gesellschaftlichen Normen. Aus diesem Grunde hat der Gebrauch der Haube im Trachtengebiet Hoyerswerda schrittweise seit den 1920er Jahren nachgelassen. Während einige älteren Frauen die gewohnte Kopfbedeckung auch im Alltag beibehielten, begann die Jugend, vor allem die Tanztracht (z.B. zum Zampertanz, beim Brauch des Maibaumwerfens) ohne Haube zu tragen. Weil man aber inzwischen erkannt hat, dass der Kopf, wenn auch ohne vollständige Bedeckung der Haare, eine wichtige Rolle bei der ästhetischen Erscheinung und den Proportionen der Tracht inne hat, wird mittlerweile nach Ergänzungen gesucht, zum Beispiel, indem geflochtene und hochgesteckte Haarfrisuren mit weißen Blüten, weißen Seiden- oder Spitzenhaarbändern versehen werden.
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